Montag, 2. Januar 2012

Purer Genuss oder pure Abzocke?

Sieht man sich die Entwicklung des Liv-Ex 100 an, so ist der Wert des Weins in den letzten fünf Jahren um durchschnittlich fast 20% jährlich gestiegen. Ach so, Liv-Ex 100, was ist das eigentlich? Was den Spekulanten von Sachwerten durchaus ein Begriff ist, kennt unter den wahren Genießern von Wein kaum einer.
Der Liv-Ex 100 ist ein Leitindex für Wein, sprich ein internationaler Handelsplatz für die feinen Tropfen dieser Welt. Wohlklingende Namen wie Château Margaux, Petrus, Le Pin oder Lafite-Rothschild sind die Blue-Chips unter den vermeintlich besten Weingütern der Welt. Allgemein gelten die klassifizierten Spitzenweine aus Bordeaux als Schwergewichte im Index. Dieser verlor zwar etwas an Boden im letzten Quartal 2011, sein langfristiger Aufwärtstrend ist dennoch ungebrochen.

So, so...Der Wert des Weins ist also gestiegen! Für Anleger und Börsenspekulanten ist das natürlich eine tolle Sache. Kaufte man sich vor 10 Jahren eine Kiste 1986er Lafite-Rothschild, so könnte man diese heute locker für das vier- bis fünffache des damaligen Einkaufspreises verkaufen. Eine wirklich ordentliche Rendite...da braucht man über eine Geldanlage in Edelmetalle wie Gold nicht wirklich nachzudenken. Möchte man sich heute die neuen Jahrgänge aus Bordeaux in den Keller legen, so muss man jedes Jahr tiefer in die Tasche greifen. Einige Châteaux erhöhten ihre Preise von 2009 auf 2010 um unglaubliche 80%. Ganz klar, die Nachfrage bestimmt den Preis. Das ist beim Wein nicht anders und solange es zahlungskräftige Käufer dieser Edeltropfen gibt, wird sich an den enormen Preissteigerungen nichts ändern. Besonders Käufer aus Rußland und China sind in den letzten Jahren auf den Geschmack gekommen...Auf den Geschmack gekommen? Naja, in Rußland gelten diese Weine vor allem als Statussymbol und perfektes Mittel um zu prahlen, wieviel Geld man hat und in China gilt ein Wein mit berühmten Namen als perfektes Geschenk zu den verschiedensten Anlässen. Ob man hier wirklich auf seinen feinen Gaumen hört, sei dahingestellt.  Besonders deshalb, weil Qualität und Preis in keinster Weise in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen. Mit steigenden Produktionskosten sind diese horrenden Preiserhöhungen nicht zu rechtfertigen, denn hier hat sich in den letzten Jahren in den bordelaiser Châteaux nicht viel geändert. Eines hat sich jedoch schon verändert: Der Stil der Weine. So sind die früher schwer zugänglichen Rotweine aus dem berühmten Anbaugebiet im Südwesten Frankreichs, die eine lange Zeit der Flaschenreife benötigten heute eher Weine, die schneller trinkreif und sehr fruchtbetont sind, eher niedrige Säurewerte besitzen und eine durch den Alkohol und das Holz hervorgerufene süßliche Note haben. Also genau der Stil, den der Kritikerpapst Robert Parker so sehr schätzt. Kein Zufall, denn hohe Bewertungen lassen den Preis zusätzlich in die Höhe schiessen. Mit den sogenannten Terroir-Weinen, deren Herkunft unverkennbar ist, hat dies allerdings nicht mehr viel zu tun.

In meiner langjährigen Tätigkeit als Sommelier habe ich viele dieser sogenannten Spitzenweine verkostet und möchte nicht leugnen, daß diese anfangs eine große Faszination auf mich ausübten. Als ich zum ersten Mal einen Mouton-Rothschild 1982 in die Hand bekam, zitterten mir beim Öffnen der Flasche die Hände und ich fühlte mich wie Gott in Frankreich als ich ihn verkostete. In bleibender Erinnerung ist mir diese Erfahrung dann doch nicht geblieben. Heute würde ich sogar sagen, daß der Wein dann doch eher mittelmäßig gewesen ist. Übrigens: Die Flasche ging für satte 3200 € über den Tisch.
Mal unter uns: Welcher Wein könnte meinen Gaumen so erfreuen, daß ich mehrere tausend Euro für eine Pulle bezahlen würde? Die Antwort ist einfach: Es gibt keinen! Persönlich halte ich diese astronomischen Preise für eine ganz große Abzocke und verstehe nicht, daß wirklich so viele Menschen bereit sind so viel Geld für vergorenen Traubensaft auszugeben. Für mich ist Wein Genuss und kein Anlageobjekt, mein Weinkeller ist ein Schlaraffenland und kein begehbarer Tresor. Der Wert des Weins ist für mich persönlich nicht gestiegen, für mich hat Wein schon immer einen sehr hohen Stellenwert und das hat nicht wirklich viel mit dem Verkaufswert zu tun. Für mich zählt einzig und allein das Preis-Genuss-Verhältnis. Umso mehr freue ich mich über die Vielfalt der heutigen Weinwelt. Die Zeiten, in denen die Lafites, Moutons und Latours das Nonplusultra darstellten, sind schon lange vorbei. Auch anderswo entstehen Weine von Weltformat, die durchaus bezahlbar sind und die dem Terroir-Gedanken wirklich treu bleiben. Begibt man sich also auf eine Entdeckungsreise außerhalb des Bordeaux , so kann man die wahren Schätze finden, die keine großen Namen brauchen um uns zu begeistern. Mit "uns" meine ich die wahren Genießer dieses wunderbaren Getränks Wein und nicht die profitgeilen Broker, die millionenschweren Russen, die einen Bordeaux nicht von einem Burgunder unterscheiden können und schon gar nicht diejenigen, die einen Petrus für den besten Wein der Welt halten.

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