Mittwoch, 28. September 2011

"Die florale Retronase oder die übermotivierte Hochnäsigkeit?"

Keine Frage, Wein ist mit Abstand eines der feinsten und interessantesten Getränke. Doch wir tun dem Wein keinen Gefallen, wenn wir suggerieren, dass es vieler Grundkenntnisse bedarf - sogar manche esoterischen Charakters - um einen guten Tropfen zu genießen.



Oftmals ärgern wir uns darüber, dass die Konsumenten nach wie vor bei einem Dornfelder, Lambrusco und vor allem beim altbekannten Bier verharren. Diesen Schuh müssen wir uns als Händler, und vor allem die Sommeliers, Önologen, Journalisten und Winzer selbst anziehen. Mittlerweile haben wir nämlich den Wein mit einer immensen Ansammlung von Fachausdrücken und Beschreibungen derart mystifiziert, dass sich der Normalverbraucher zu Recht fragen muss, wie die “leicht floralen Noten in der Retronase” zu verstehen sind, ob dies gar ernst gemeint ist, oder ob sie lieber den Hund mit der so feinen Nase um Hilfe bitten sollten, diese Noten endlich zu finden.

Selbstverständlich darf man von einem Önologen erwarten, dass er im Rahmen seiner Profession feinste Nuancen erkennt und diese zum Ausdruck bringen kann. Beim normalen Weinverbraucher jedoch wächst das Verständnis für die vielschichtige Welt des Weines und die Bereitschaft unbekanntes Gebiet zu betreten erst bei zunehmendem Konsum jedes Mal ein bisschen mehr. Und genau da liegt das Problem. Denn, anstatt den Verbrauchern die nötige Hilfestellung durch einfachere und verständlichere Beschreibungen zu geben, schießen die unzähligen Sommeliers, Kritiker und Fachjournalisten öfter übers Ziel hinaus und vermitteln so dem normalen Konsumenten den Eindruck, dass das noble Getränk Wein eine geheimnisvolle, fast nicht zugängliche Aura umgibt. Wer traut sich da noch zu widersprechen oder gar ehrlich zuzugeben, dass der eine oder andere so hoch gelobte Wein „mit der so komplexen, aber zugleich ausgewogenen Struktur” am Ende doch nicht geschmeckt hat? Schon gar nicht möchte man sich blamieren, wenn man nicht das gequälte Vokabular des Fachjargons beherrscht, um es dem unverständig drein schauenden Sommelier erklären zu können.

Zweifellos braucht es sehr viel Zeit, Fachwissen und Erfahrung, um die komplexen Hintergründe der vielfältigen Weinwelt zu verstehen. Die weitaus größere Kunst liegt vielleicht jedoch darin, dieses Wissen so weitergeben zu können, dass bei der Ansprache keiner ausgeschlossen wird, dass alle auf das Neue, Unbekannte gespannt bleiben und dass zur Krönung viele Interessierte zum Probieren animiert werden. Ganz gleich, welcher Tropfen verkostet wird: letztendlich muss Jedem die Möglichkeit gewährt werden, selbstbewusst den eigenen Geschmack entdecken zu dürfen - denn, über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten.

(Bildquelle: www.badische-zeitung.de)

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